Dämonen

 

„Lass sie los. Lass sie frei. Das wird dir guttun, haben sie gesagt.“
„Wen loslassen? Wovon sprichst du?“
Schnellen Schrittes bewege ich mich im Kreis, fuchtle nervös mit beiden Armen in der Luft herum und ignoriere routiniert den Menschen, der ohne zu fragen in meinen persönlichen Bereich gedrungen ist. Damit meine ich nicht mein Zimmer, sondern die zwei Meter Schutzzone, die mich umgeben.

„Sag schon“, werde ich erneut angesprochen, „wenn sollst du gehen lassen?“
Ich halte inne und starre mein Gegenüber an. Sie ist etwas kleiner als ich, blass wie der Vollmond am Tage und sie trägt natürlich dasselbe wie ich. Weisse Trainingshose mit elastischem Bund, ein T-Shirt in derselben Farbe und passend dazu eine Trainingsjacke, derren Kordel aus Sicherheitsgründen entfernt wurde. Ich weiss, dass sie Klara heisst und vor mir da war. Ihre strähnigen dunkelblonden Haare hängen ihr gelangweilt in die Stirn, die dünne und etwas zu kurz geratene Nase will nicht so richtig in ihr langes und schmales Gesicht passen. Das einzig Schöne an ihr, ist ihre Augenfarbe. Ihre Iris hat die Kolorierung eines Sees, inmitten eines Laubwaldes, an einem sonnigen Tag, grün, marmoriert und mit goldenleuchtenden Partikeln. Wenn Klara aufgeregt ist, wie jetzt, dann verändert sich die Farbe. Sie wird eine Nuance dunkler, als wäre eine Wolke vor die Sonne gehuscht. Ich verliere mich fast darin und habe vergessen, dass ich mein aufgewühltes Verhalten erklären sollte. Obwohl es sie im Prinzip nichts angeht. Aber schaden tut es auch nicht. Sie sagen ja immer, man solle über seine Probleme sprechen. Sich öffnen. Dann tu ich das jetzt.
Ich räuspere mich laut und reibe meine Nase. Das mache ich oft, wenn ich nervös bin. In letzter Zeit kommt das häufig vor. Aus einem Zeichentrickfilm für Kinder ist bekannt, dass die Protagonistin dies ebenfalls tut und in diesem Moment wird sie von einer Idee beglückt. Das ist bei mir nicht der Fall. Mich juckt‘s nur.
„Ich spreche von meinen Dämonen. Sie haben gesagt, ich soll sie gehen lassen, raus lassen.“
Klara sperrt ihre grünen Augen weit auf. „Dämonen?“, fragt sie leicht dümmlich, als wüsste sie nicht, dass jeder solche mit sich herumträgt. Sie hat gewiss einen ganzen Trekkingrucksack voll.
„Ja, die Dämonen“, wiederhole ich. „Diese nervigen Quälgeister, die uneingeladen Besitz von dir nehmen. Die kennst du doch auch. Bei mir sind sie zahlreich und nachtaktiv.“
Klara nickt verstehend. „Natürlich“, sagt sie allwissend und dehnt dabei das Wort unnatürlich in die Länge. „Die kenn ich auch.“
Ich entscheide mich, die kommende Unterhaltung im Sitzen fortzusetzen und mache es mir auf dem Fussboden bequem. Klara macht es mir nach.
„Also, nach vielen Gesprächen habe ich mich entschlossen, diesem Rat zu folgen.“ Mir fällt auf, dass Klara wie gebannt auf meine Lippen starrt, dabei hat sie ihre leicht geöffnet. Mit fahrigen Bewegungen versucht sie ihre Frisur zu ordnen. Ich denke, dass sich die Mühe nicht lohnt. Es ist mir bewusst, wie mein Äusseres auf andere wirkt. Männer, wie auch Frauen. Sogar auf dieses Mauerblümchen neben mir wirkt sich meine prickelnde Ausstrahlung aus. Ich nutze so oft ich kann diesen Vorteil. Nur die Pfleger hier, scheinen immun zu sein. Insbesondere die Nachtschicht. Schade.
„Ich hab mich also intensiv angestrengt“, fahre ich fort, „und hab meine Dämonen um eine Unterredung gebeten. Sie sind alle gekommen, sogar der Kleine. Lange und ausführlich habe ich ihnen geschildert, dass sie nicht mehr von Nutzen seien. Ausserdem seien sie das auch nie gewesen. Es war ja nicht so, dass ich sie eingeladen habe, ein Teil meines Lebens zu werden. Nein, sie standen plötzlich da und wollten nicht mehr gehen. Ich hatte etwas Mitleid, dachte, dass sie obdachlos seien und womöglich nur vorübergehend Asyl brauchten. Ach, war das ein Fehler. Ich bin einfach zu gutmütig. Hab sie in mir wohnen lassen, gratis, jahrelang und hab sie auch noch gefüttert!“
Klara gibt ein leises seufzendes Geräusch von sich. Womöglich eine verstehende anteilnehmende Geste oder, und das will ich nicht hoffen, ein mitleidiges Seufzen, das sagen will, ach ja, das war aber dumm von dir.
Ich verlagere mein Gewicht, weil mein rechtes Bein zu kribbeln beginnt. Hier wird nicht geschlafen, denke ich tadelnd. So langweilig ist meine Geschichte nicht.
„Die Dämonen haben mir zugehört. Wie erstaunlich. Ohne zu murren, abzulenken oder blöd dazwischen zu quatschen und als ich fertig war, haben sie sich stumme und dumpfe Blicke zugeworfen. Ich hab sie dann fragend angestarrt und sie gaben mir zu verstehen, dass sie sich absprechen müssen. Die Zeit hab ich ihnen natürlich gegeben. Ich beobachtete sie dabei und versuchte, von ihren hässlichen Visagen irgendetwas herauszulesen. Doch es war mir nicht möglich, etwas davon zu interpretieren. Der Kleine hat mal ganz intensiv die Arme verworfen und dann aufgestampft. So heftig, dass die anderen Angst bekamen. Ihre zerzausten Mähnen sind ihnen vom Kopf gestanden und die furchterregenden roten Augen haben zu glühen begonnen. Bin selber etwas erschrocken.“
Klara rutscht nervös umher und beginnt an ihren Lippen zu knabbern. Ich beuge mich zu ihr rüber und sage leise: „Du wirst nicht glauben, was dann geschah.“
Sie erstarrt in ihrer Bewegung und gibt mir tonlos zu verstehen, dass ich weiter erzählen soll.
„Die Dämonen kamen zurück zu mir, um mir mitzuteilen, worauf sie sich geeinigt haben, beziehungsweise was sie von meinem Vorschlag halten. Es war der Kleine, der das Sprechen übernahm. Mir scheint, er war schon immer der Anführer. Es tut mir fast etwas leid, dass ich ihn unterschätzt habe, nur weil die anderen ihn um ein paar Köpfe überragen. Er hat zuerst vehement den Kopf geschüttelt und mir dann erklärt, dass sie meinem Wunsch nicht folgen können. Ich wurde wütend, wollte wissen warum und hab sie gefragt, ob sie meiner Bitte nicht folgen wollten, weil sie nicht wissen wohin. Er meinte, dies sei nicht der Grund. Sie seien früher oft ohne Wirt gewesen, aber jetzt gehe das nicht mehr. Es sei unmöglich und der Entscheid sei einstimmig gewesen. Keiner von ihnen sei auch nur im Geringsten einverstanden zu gehen. Ich hab sie dann angefleht, auf Knien, demütig, aber sie standen nur da, mit verschränkten Armen und von mir abgeneigten Gesichtern. Ich hab das ganze Programm gestartet. Verzweiflungstränen, mitleiderregende Schluchzer. Nichts half. Sie blieben stur. Ich versuchte es mit Zorn. Schrie sie an, bäumte mich auf, machte Drohgebärden, aber auch das war vergebens. War ja auch ein erbärmlicher Versuch. Was soll das schon gegen Dämonen ausrichten. Ich hab dann den Kleinen fragend, mit zitterndem Kinn und tränenüberströmten Gesicht gefragt, ob er es mir erklären kann. Er nickte und kam etwas näher. Herunterbücken musste ich mich ja nicht, ich kniete ja noch immer. Wir befanden uns auf Augenhöhe, als er mir mit leiser Stimme gestand: Wir können nicht raus. Die Welt macht uns Angst. Die Menschen machen uns Angst.“

 

19.11.2021

© Y. M. Aküzüm